Guilin
   
 

The Principles of Chinese Painting

"Es waren die merkwürdigsten Hügel der Welt und auch die chinesischsten, denn es sind diese Hügel, die man auf jeder chinesischen Papierrolle sieht. Es ist nahezu eine heilige Landschaft - auf jeden Fall aber eine geheimnisvolle."

Paul Theroux, Riding the Iron Rooster, 1988 (nicht übersetzt)

Die meisten Betrachter einer chinesischen Malerei werden den gewaltigen Unterschied zur westlichen Maltradition bemerken. Die markantesten Abweichungen sind die Verwendung von Tinte und Seidenpapier im Gegensatz zu Öl und Leinwand, die Benutzung einer Seidenrolle statt eines Holz- oder Metallrahmens und der allgemeine Verzicht auf die genaue Wiedergabe des ursprünglichen Objektes. Im Gegensatz zur westlichen Maltradition hat die chinesische Malerei nie großen Wert auf eine exakte Darstellung oder Replike der Wirklichkeit gelegt und unterstrich stattdessen die Notwendigkeit, die spirituelle Essenz des Themas einzufangen. Ob es sich um ein Portrait handelte, bei dem man den Augen zuschrieb, den wahren Charakter des Modells auszudrücken oder um die verborgene Wahrheit der Natur, das höchste Ziel des Malers war die Wiedergabe der Lebenskraft.

Solche Erwägungen findet man in der ersten theoretischen Abhandlung über das Malen, die im 5. Jahrhundert von Hsieh Ho geschrieben wurde. Unter dem Titel "Die 6 Elemente der Malerei" heisst es:

1. Soll ein Eigenleben haben, pulsieren und klangvoll sein
2. Soll eine gute Pinselarbeit sein, die eine solide Grundlage bildet
3. Soll dem Wesen des Objektes ähnlich sein
4. Soll Farbschattierungen haben, die der Situation entsprechen
5. Soll eine gut durchdachte Anordnung haben
6. Soll aus der Tradition das Beste übernehmen, indem man von ihr lernt

Es existieren nur sehr wenige Malereien aus dieser frühgeschichtlichen Zeit, doch von den Sui- (589-618 n.Chr.) und Tang-Dynastien (618-907 n. Chr.) an wurde der Malerei ein vorherrschender Platz in Chinas künstlerischer Tradition eingeräumt. Besonders beliebt waren Portraits und Szenen aus dem Leben des Kaisers mit den Abgesandten oder Hofdamen und Szenen aus dem Leben der Edlen, so wie man sie auf den Fresken der Gräber oder buddhistischen Bilder an den Wänden der Grotten in Dunhuang in der Provinz Gansu vorfindet. Mehr als zehn Jahrhunderte lang malten Künstler Szenen aus den buddhistischen Sutren, aber auch Portraits und Szenen aus dem Leben der zahlreichen Menschen, die entlang der Seidenstraße reisten.

Während der Song-Dynastie (960-1279 n.Chr.) wurde unter kaiserlichem Patronat eine Malakademie gegründet, bei der sich zwei Malstile entwickelten. Der erste Stil, als akademische Malerei bekannt, bevorzugte grandiose Landschaften. Im Gegensatz zu westlichen Landschaftsmalereien, welche Perspektive und Schattierungselemente hervorheben, betonen die chinesischen Landschaften den Pinselstrich, der in Dicke und Schattierung abgewandelt wird. Ebenso vom westlichen Stil abweichend ist es, dass der Mensch als Figur unwichtig war und immer weit kleiner als die Hintergrundlandschaft dargestellt wurde.

In der darauffolgenden Yuan-Dynastie (1279-1368) entwickelte sich eine Gebildetenschule, die "Literati-Schule", die Kunstmalstudenten hatte. Malerei wurde immer als die Domäne einer gelehrten Elite angesehen und zu keiner anderen Zeit war dieses Ideal sichtbarer. Die am meisten gemalten Themen waren die sogenannten vier Tugenden des Bambus (ein Symbol von Geradlinigkeit, Bescheidenheit und unbeugsamer Loyalität), Kirschpflaumen (ein Symbol der Reinheit und Ausdauer), Chrysanthemen (ein Symbol der Vitalität) und Orchideen (ein Symbol der Reinheit), sowie Vogel- und Blumenmalereien.

In der Ming-Dynastie (1368-1644) wurde die Rückbesinnung auf die Tradition gefördert. Die Künstler kopierten die Meisterstücke früherer Zeiten. Es wurden Handbücher der Malerei geschrieben, die Prototypen eines bestimmten Blattes, Felsen oder einer Blume beinhalteten welche der Künstler dann kopieren und kombinieren konnte und so ein neues Werk schaffte. Im Gegensatz zum Westen, der sowohl in der Malerei als auch in der Literatur immer Kreativität und Individualität hervorhebt, waren die Chinesen davon überzeugt, dass es galt eine Tradition wirklich zu meistern, bevor man etwas Neues begann.

Obwohl die traditionellen Stile weiterhin die Arbeiten der Maler in der darauffolgenden Qing-Dynastie (1644-1911) beherrschten, brachte der vermehrte Kontakt mit dem Westen einen unvermeidbaren Einfluss durch westliche Stilrichtungen mit sich. Der italienische Maler Guiseppe Castiglione arbeitete einmal sogar unter kaiserlicher Patronage und machte somit seine chinesischen Zeitgenossen mit den westlichen Techniken von Farbnuancierung (Hell-Dunkel-Malerei) und Zentralperspektive bekannt.

 

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