Mogao Caves Article
   
 

A Clash of Civilizations

von Guy Rubin

Apsara, or heavenly angel on Mogao Cave muralVor Jahrhunderten meisselten Künstler in der Mitte von Chinas gewaltiger Taklamakan-Wüste 492 Grotten in eine Felswand. Sie formten und bemalten sie und schufen auf 41806 qm eindrucksvolle Wandgemälde, dreißig Mal die Gemäldefläche der Sixtinischen Kapelle. Aber während die Sixtinische Kapelle innerhalb weniger Jahre fertig gestellt wurde, begannen die Arbeiten der Mogao-Grotten im 4. Jahrhundert und wurden erst im Laufe des darauffolgenden Jahrtausends beendet.

Bedenkt man diese Zeitspanne von tausend Jahren, in der konkurrierende kaiserliche Dynastien, lokale Aristokratien und sogar fremde Völker die nahegelegene Stadt Dunhuang eroberten, so war es eine erstaunliche Leistung, vielleicht sogar ein Wunder, dass die bemalten Grotten die aufeinanderfolgenden Kriege und das Chaos überdauert haben. Die Mogao-Grotten jedoch – trotz der unvermeidlichen kulturellen Unterschiede zwischen diesen verschiedenen Religionen und Völkern – hielten nicht nur Stand, sie florierten in dieser Zeit. Obwohl rivalisierende Dynastien, Familien, Stämme, Religionen und Nationalitäten über das Gebiet herrschten, war die bloße Pracht der Mogao-Grotten so überwältigend, dass sie über jede Unstimmigkeit zwischen ihren jeweiligen Herrschern siegte. Ein neuer Herrscher zog es vor, lokale Künstler zu fördern, damit sie sein Bildnis in den mythologischen Chor der Höhlengemälde einbrachten, statt alle Spuren seiner Vorgänger zu zerstören. Der jeweilige Herrscher nutzte dabei die Pracht der Grotten, um seine neue Regierung zu legitimieren. Auf diese Weise diente die Kunst als Brücke, die verschiedene Völker miteinander verband, und die Wandgemälde boten einen Raum, in dem fremde Kulturen sich einigen und eventuelle Quellen der Feindseligkeit schlichten konnten. Die Grotten waren es gewohnt, die Gegensätze zwischen Armen und Reichen, zwischen Konfuzianisten und Buddhisten, zwischen Tibetern, Han und anderen Volksangehörigen auszugleichen. Als solche verkünden die Wandmalereien der Mogao-Grotten, die von einer universellen Harmonie sprechen, den Sieg der überirdischen Schönheit über die zerstörerische Dynamik der weltlichen Ordnung.

Han Dynasty Great WallVergleichen wir dieses Beispiel für kulturellen Umgang und Verständigung mit einer anderen der berühmten Stätten in Dunhuang – den Überresten der ältesten Abschnitte der Großen Mauer. Diese 5 Meter hohe Mauer aus gestampfter Erde, mit Holz verstärkt, mutet wie ein willkürliches Spektakel in der Mitte der zweitgrößten Wüste der Welt an. Die geschmeidige, über 2000 Jahre alte Befestigungsanlage ist so verwittert und rissig wie die gigantischen Felsformationen, die sie zu teilen vorgibt und gleicht heute mehr einem Produkt der Natur als von Menschenhand geschaffen. Obwohl die Kraft und die Größe der scheinbar unendlichen Wüste dem Herrschaftsanspruch der Großen Mauer trotzt, ist die Große Mauer dennoch eine Errungenschaft menschlichen Bestrebens gebaut worden zu sein und so lange in einer solch feindlichen Umgebung überlebt zu haben.

Die Mogao-Grotten kreierten einerseits einen Raum, wo sich Kulturen treffen konnten, andererseits war die Große Mauer jedoch dazu bestimmt, Kulturen zu trennen.

Seit dem Baubeginn vor tausenden von Jahren ist die Große Mauer ein Diskussionspunkt, wenn es darum geht, wie China sich seinen kämpferischen Nachbarn gegenüber verhalten sollte. Gegner der Großen Mauer waren der Meinung, dass der Friede nur durch wirtschaftliche, soziale und politische Zusammenarbeit mit den Völkern des Grenzlandes gesichert werden könne. Überwiegte diese Politik, waren die Grenzgebiete friedlich. Befürworter der Großen Mauer nahmen dies als Anlass zur Behauptung, dass Chinas Ansehen unter den ständigen Zugeständnissen an die kriegerischen Stämme litte, und so wendete sich das Blatt wieder.

Mogao Caves mural, depicting General Zhang  Qian who opened the Silk RoadLassen wir die historischen Überreste dieser Großen Mauer hinter uns und reisen wir entlang der lokalen Handelsstraße, auf der chinesische und fremde Kulturen das erste Mal aufeinanderprallten. Die Seidenstraße brachte China große wirtschaftliche und militärische Vorteile. Der Warenexport von China in den Westen brachte sagenhaftes Vermögen mit sich: Seiden, Tees und Jadeprodukte sowie so brillante Erfindungen wie Papier, Schießpulver und der Kompass brachten unvorstellbare finanzielle Gewinne. Der wichtigste Import in den Osten waren die legendären Pferde aus dem Ferghana-Tal in Zentralasien; deren Geschwindigkeit und Ausdauer China zur militärischen Vormacht in der Region verhalfen. Der Profit aus diesem Handel hatte jedoch seinen Preis, nämlich den wirtschaftlichen und ideologischen Austausch mit fremden Völkern, Gesellschaften und kulturellen Werten.

Die heimischen Religionen des Daoismus und des Konfuzianismus wurden vom Buddhismus, der sich Richtung Osten ausbreitete, gefährdet. Die Han-Chinesen waren gezwungen sich mit der wachsenden militärischen Gefahr durch Tibet und die halbnomadischen Stämme aus den westlichen Regionen auseinander zu setzen. Das schnelle wirtschaftliche und territoriale Wachstum des chinesischen Kaiserreiches zog unterdessen eine ständig steigende Vielfalt und Anzahl von Völkern und Gedankensystemen in seinen Machtbereich. Es bestand ohne Zweifel das Risiko, dass dieser Tiegel aus verschiedenartigen Zutaten sich so überhitzen könnte, dass er das chinesische Kaiserreich auseinander blasen würde!

Wie also wurden die Gouverneure von Dunhuang, dem reichsten und bedeutendsten Grenzgebiet an der Seidenstraße, mit der Herausforderung, diese Vielfalt zu bewältigen, fertig? Damit Sie alle Punkte deren erfolgreicher Strategie verstehen, müssen Sie sich zuerst in den Sattel eines Reisenden aus jener Zeit begeben.

Mogao Cave Mural depciting thieves on the Silk RoadWenn Sie das erste Mal nach Dunhuang kommen, werden Sie wahrscheinlich die Unbeständigkeit der Wüste am ehesten anhand des flackernden Schattens Ihres Flugzeuges erfassen, wenn es über die schonungslosen Weiten gleitet. In der Nähe von Dunhuang jedoch, in den Dünen des Singenden Sandes, können Sie wie vor zweitausend Jahren auf einem Kamel die Seidenstraße entlang reiten.

Trotz des beruhigenden Schaukelns Ihres hochnäsigen Kamels, das Sie zum Träumen verführt, werden Sie spüren, wie die Glut der Sonne auf Ihrer Haut brennt. In Ihrer Vorstellung sehen Sie sich vielleicht in einer großen Karawane von Händlern. Vielleicht gibt es sogar ein Kontingent von Soldaten, das Ihre Gruppe begleitet und beschützt. Es ist jedoch frühmorgens und das Geräusch des hohen Treibsandes ruft Vorahnungen in Ihnen wach. Sie öffnen Ihre Augen und sehen wie vor Ihnen die Dünen in die Luft emporsteigen. Von diesem Augenblick an fühlen Sie sich angesichts der Unermesslichkeit der Wüste ganz klein. Nur ein schlimmer Sandsturm und Sie verlieren Ihre Gruppe, Ihre Familie und Ihre Orientierung. Sie denken an die sachliche Warnung von Fa Xian, dem berühmten Mönch aus dem vierten Jahrhundert, der über diesen Ort Folgendes schreibt, “die einzigen Zeichen für eine Straße sind die Skelette der Toten. Wo immer sie liegen, da liegt auch die Straße nach Indien.“ Obwohl Sie Erzählungen von Räubern entlang dieser Route gehört haben, fühlen Sie jetzt besonders stark, dass die größte Bedrohung nicht von anderen Menschen ausgeht, sondern von der Natur selbst.

Über jeder Oasenstadt, jeden Einwohner und jeden Reisenden schwebte die ewige Bedrängnis durch die Wüste. Diese ständige Erinnerung an die Vergänglichkeit des Lebens und an die Willkür des Todes beendete so manchen Streit; sie gab dem Leben entlang der Seidenstraße einen größeren Sinn. Obwohl dieser Umstand natürlich gesellschaftliche Unruhen besänftigte, waren die Gouverneure von Dunhuang nicht darauf angewiesen. Sie konnten ihren Willen zu jeder Zeit durch ein starkes Militäraufgebot erzwingen. Versöhnliche kulturelle Maßnahmen verringerten jedoch die Furcht vor der starken Besatzung. Die Wandgestaltung der Mogao-Grotten zeigt das synkretistische Geben und Nehmen dieser auf dem Dialog beruhenden Kulturpolitik.

Die schattigen Höhlen (nehmen Sie eine Taschenlampe mit) lassen keinen Widerspruch zwischen den Tausenden Buddhas, die auf die unteren Wände gemalt worden sind, und den daoistischen Symbolen auf der Decke erkennen. Auch die konfuzianische Ahnenverehrung auf der einen Wand und die Darstellung vom historischen Buddha, der von seiner Familie wegläuft, auf einer anderen zeigen keine Kontradiktion. Statt analytisch die Glaubenssätze des anderen in Frage zu stellen, fassten die Künstler alle Aspekte der Religionen in einem Wandschmuck reich an Mythologie zusammen. Was dem einen irrational erscheint, wird den anderen inspirieren – aber beide werden die Darstellungen mannigfaltig und verwirrend schön finden.

Laut Hegel lehrt uns die Erfahrung, dass wir aus der Geschichte nichts lernen. Wenn wir in ein Zeitalter eintreten, das, dem Historiker Samuel Huntingdon zu Folge, vom Zusammenstoß konkurrierender Kulturen geprägt sein wird, dann tun wir gut daran uns zu vergegenwärtigen, dass Kulturen schon oft zuvor aufeinander geprallt sind. Dies geschah schon entlang der Seidenstraße vor ungefähr zweitausend Jahren, und die wichtigste Frucht dieser Begegnung waren hunderte Wandmalereien von fesselnder Harmonie und Schönheit.

Erstmals veröffentlicht im März 2003 in Culturaltravels.com unter dem Titel "A Study In Harmony".

 

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